Andachten

Monatsspruch März 2021

Jesus antwortete: Ich sage euch: Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien. (Lukas 19,40)

Liebe Leserin, lieber Leser,

Jesus zieht in einer feierlichen Prozession mit einer großen Schar Festpilger in der heiligen Stadt Jerusalem ein. Sie singen Glaubenslieder. "Gelobt sei, der da kommt im Namen des HERRN" stammt aus Psalm 188,26, ein Wechselgesang zwischen Priestern und Gemeinde, in dem sich ein einzelner Beter bedankt, dass Gott ihm in aussichtsloser Lage geholfen hat: "Ich danke dir, dass du mich erhört hast und hast mir geholfen. Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden. Das ist vom HERRN geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen… O HERR, hilf! (hebräisch hoschianna) O HERR, lass wohlgelingen!"

Menschen, die krank, alt, gescheitert, einsam sind, kommen sich vor wie der letzte Dreck, jetzt verstärkt in der Zeit der großen Einsamkeit wegen Corona. Sie freuen sich über jedes Zeichen, dass sie nicht vergessen sind, über jedes Wort, das sie hören oder lesen, über jedes Gesicht, das sich ihnen zuwendet. Und manche stehen vor einem Scherbenhaufen ihres Lebens. Alles, was ihnen wichtig war, ist zerbrochen. Sie selber sind Teil des Bauschutts, der bald auf die Deponie gefahren wird. Aber dann kommt einer und zieht einen Stein heraus: "Genau den habe ich gesucht, der passt genau in die Lücke in meinem Gebäude."

So ist es Jesus ergangen. Am Dienstag war er noch Mittelpunkt der jubelnden Menge und am Freitag hing er am Kreuz. Die Evangelien beziehen die Worte des traditionellen Pilgerlieds auf ihn. Er ist der, der im Namen Gottes kommt und willkommen geheißen wird ("gelobt sei, der da kommt" = herzlich willkommen!). Und den man als unbrauchbar entsorgte, dann aber wurde er zum Fundament einer neuen Weltordnung. "Einen andern Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus." (1. Korinther 3,11).

Und nun zurück zum Einzug in Jerusalem: Die Pilger jubeln und die Jünger jubeln mit. Da meinen Jesu Gegner: "Meister, weise doch deine Jünger zurecht", (Vers 39) sag ihnen, sie sollen aufhören. Aber Jesus erwidert: "Wenn diese schweigen werden, so werden die Steine schreien."

Wir fühlen uns da an Demonstrationen erinnert, die von Machthabern gewaltsam unterbunden werden, wie wir's immer wieder in den Nachrichten sehen, und an warnende Stimmen, die zum Schweigen gebracht werden. Und dann geschieht, wovor gewarnt wurde: Krieg und Katastrophen lassen keinen Stein auf dem anderen.

Aber die Jünger protestieren doch nicht, sondern singen und beten Psalmen. Was soll das nützen?

Wir saßen im CVJM-Vorstand und machten uns Gedanken über die Rassentrennung in Südafrika. Was können wir tun? Dasselbe, was die ersten Christen taten, als Petrus im Gefängnis saß (Apostelgeschichte 12,5): Sie beteten. Und wir beteten auch. Was soll das nützen? Es dauerte nicht lange, da war die Apartheid Geschichte. Andere haben demonstriert und Südafrika boykottiert. Der christliche Beitrag zu einer gerechteren Welt ist das Gebet.

Aber die Jünger haben doch gar nicht gebetet: "Lieber Gott, mach dass…", sondern ein altes Lied gesungen. Einer hat es angestimmt, die anderen haben eingestimmt. Damit verändert sich die Welt nicht, aber wir verändern uns, beginnen die Welt und die Menschen mit anderen Augen zu sehen. Die Pilger und auch die Jünger hatten damals alles andere als einen Grund dankbar zu sein. Die Römer hatten das Heilige Land besetzt und übten eine erbarmungslose Zwangsherrschaft. Die Volksseele kochte. Aus dem Pilgerzug wird schnell eine Demo, aus "Hosianna" schnell "Macht kaputt, was euch kaputt macht!". Ein gewisser Barabbas wird dabei gewesen sein, der bei einem Aufruhr einen Mord begangen hatte (Lukas 23,18.19). An seiner Stelle wurde Jesus gekreuzigt. Er starb, damit Barabbas leben konnte.

"Liebet eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen", forderte Jesus (Matthäus 5,44). Dann lernt ihr sie mit anderen Augen zu sehen und sie zu verstehen. Gott bitten ist besser als Forderungen an die Mitmenschen zu stellen.

Mindestens der "Stein, den die Bauleute verworfen hatten", hat geschrien und gejubelt vor Freude. So kann man den Monatsspruch auch verstehen.

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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