Andachten

Monatsspruch Dezember 2019

Wer im Dunkel lebt und wem kein Licht leuchtet, der vertraue auf den Namen des Herrn und verlasse sich auf seinen Gott. (Jesaja 50,10)

Liebe Leserin, lieber Leser,

"die Tage sind so dunkel", das liegt in der Zeit: kurze Tage, länge Nächte, denn die Sonne steht an Weihnachten bei uns nur acht Stunden am Himmel. Das ändert sich wieder, denn im Sommer muss sie Schwerarbeit leisten, höher steigen und länger scheinen. Den Wechsel von Nacht und Tag, Winter und Sommer, Dunkelheit und Licht hat der Schöpfer vorgesehen. Und das ist gut so.

Aber das war doch vorgestern! Heute haben wir künstliche Beleuchtung und können die Nacht zum Tag machen, feiern bis in die Puppen - und arbeiten auch. Ist das besser? Oder schaden wir uns damit am Ende nicht selbst?

"Blick ich empor zu jenen lichten Welten und seh der Sterne unzählbare Schar", das war auch vorgestern. Heute sehe ich mit Mühe nur noch die hellsten von ihnen. "Brüder, überm Sternenzelt" kann kein "lieber Vater wohnen", wie es noch Schiller in seiner Ode "An die Freude" für selbstverständlich hielt. Dort kann keiner wohnen, weil wir Neunmalklugen das Sternenzelt durch unsre Licht- und Luftverschmutzung kaputtgemacht haben.

Und was ist das für ein altmodischer Heini im Monatsspruch, "der im Dunkel lebt und dem kein Licht leuchtet"? Dann macht doch Licht, du Armleuchter! Ähm, Verzeihung: Ich meinte "Du Armer". Vielleicht kann er die Stromrechnung nicht bezahlen? Dem muss es wirklich dreckig gehen, wenn er sich noch nicht mal Licht leisten kann. Und das war nicht vorgestern, sondern ist heute bittere Wirklichkeit. Obwohl's uns doch insgesamt gut geht, viel besser als man sich's jemals vorstellen konnte. Nach dem Krieg gab's wenig zu essen, nur abgetragene Kleider, oft keinen Strom - aber für alle -, viele Ruinen und die verbliebenen Häuser vollgestopft mit Ausgebombten, Flüchtlingen, Vertriebenen. Und heute haben wir alles im Überfluss und trotzdem gibt's nicht genug für alle. Wie kommt das? Weil wir Neunmalklugen das Leben zu einem Marathonlauf gemacht haben: Alle sollen eine Chance bekommen und müssen mitlaufen. Die ersten schaffen es noch nicht mal bis zu den Startlöchern, den nächsten geht schon nach ein paar Schritten die Puste aus und nur die Stärksten erreichen das Ziel. Und die reißen alles an sich, lassen sich's schmecken und den Nachzüglern und Gescheiterten bleiben nur Kartoffelschalen und Wursthaut. Selbst dran schuld? Christlich geht anders!

In drei Wochen ist Weihnachten, das Fest der Liebe und der Geschenke, der Kerzen und der Festbeleuchtung. Und der Geburtstag Jesu. Es widerstrebt mir heute, die oft gebrauchten Worte zu wiederholen von den Symbolen der Heiligen Nacht, von Dunkelheit und Licht, Angst und Geborgenheit, Verzweiflung und Hoffnung.

Jesus ist in einer Kirche geboren und in einer Kirche gestorben. Das heißt, an beiden Gedenkstätten steht heute eine Kirche. In der Geburtskirche in Bethlehem werden nicht die Reste eines Stalls gezeigt, sondern darunter ist eine Höhle, in der er geboren wurde. Die Krippe soll aus Lehm gewesen sein, primitiver geht's kaum. Und in der Grabeskirche in Jerusalem steht noch der Rest des Golgatha-Felsens, auf dem er gekreuzigt wurde. Neben dran ist das Heilige Grab, ein Nachbau. Das Original wurde während der Kreuzzüge zerstört, wie denn auch beim Bau der beiden Kirchen vieles zerstört worden war. Von der Vergangenheit überhaupt ist nur wenig erhalten.

Es ist schon beeindruckend, das alles zu sehen, wo Jesus gelebt hat. Aber er selbst ist nicht mehr da, wie alle Menschen der Vergangenheit. Nach dem Tod meiner Mutter bedauerte ich am meisten, dass ich sie nichts mehr fragen konnte. Die Quelle ihrer Weisheit ist für immer versiegt. Aber manchmal fallen mir in bestimmten Situationen Worte ein, Ermahnungen, Anekdoten, Geschichten meiner Mutter. Sie lebt in mir weiter. So lebt auch Jesus in mir weiter, obwohl ich erst 1900 Jahre später geboren wurde. Nicht nur weil wir alles in der Bibel nachlesen können. Darin stehen ja auch nur Erinnerungen an ihn. Jesus lebt in uns weiter, weil die Erinnerungen an ihn weitergegeben wurden. Von Menschen, die Jesus liebten und in deren Herzen sein Geist wohnte.

Das alles hat damals in Bethlehem seinen Anfang genommen. Jesus ist für mich nicht ein ewiges Baby namens Christkind, sondern der Erwachsene, der ein Licht mit neuen Gedanken in die Welt brachte. Sein Licht leuchtet weiter, bis in unsre Zeit. "Lass doch dein Licht auslöschen nicht bei uns allhier auf Erden."

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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