Andachten

Monatsspruch August 2019

Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. (Matthäus 10,7)

Liebe Leserin, lieber Leser,

"der Himmel ist so nah, denn du bist für mich da, das Wunder aller Wunder ist geschehn", sang vor 50 Jahren Mireille Mathieu. Das war die Zeit, als die jungen Leute gegen den Vietnamkrieg und Kalten Krieg aufstanden mit dem Spruch "Make love, not war", macht Liebe, nicht Krieg. Und gegen ihre Väter, die Hitler gewählt, Krieg gemacht und Massenmorde begangen hatten. Und gegen den Menschen und Umwelt verachtenden Kapitalismus. Im Musical Hair wurde das paradiesische Wassermannzeitalter der Liebe und des Friedens angekündigt. Und was ist daraus geworden?

Der Vietnamkrieg ist Geschichte. Die Protestbewegung mündete in ohnmächtige Wut, die sich in Straßenschlachten und deutschem Terrorismus entlud. Zwanzig Jahre später hielt die Welt einen Augenblick den Atem an. Die Sowjetunion brach zusammen, die von ihr geknechteten Völker wurden frei und die schon fast nicht mehr für möglich gehaltene deutsche Wiedervereinigung Wirklichkeit. Der Kalte Krieg war zu Ende. Und alle Welt freute sich über Frieden und Freiheit. Und was ist daraus geworden? Danach ging's gerade so weiter, bis heute.

Auch Jesus verkündete den Beginn eines neuen Zeitalters. Er fing damit an, dass er herumzog und predigte: "Die Zeit ist da und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Fangt ein neues Leben an und glaubt der Frohen Botschaft!" (Markus 1,15). Fromme Menschen scheuten sich das Wort "Gott" in den Mund zu nehmen und umschrieben mit "Reich des Himmels", so Matthäus 4,17. Jesus hatte diesen Ausdruck nicht erfunden, das war damals eine allgemeine Hoffnung: ein Gottesstaat, in dem zwar nicht die Scharia, das islamische Recht, aber doch die Thora, das biblische Recht gilt und ein vom Himmel beauftragter König nicht nur über den Landkreis Jerusalem, sondern über die ganze Welt regiert.

Das hört sich gut an. Nur dumm, dass schon jeder Quadratmeter Boden in anderen Händen ist. Das Patentrezept: die Fremdherrschaft abschütteln, Krieg und Terror, um die Welt zu verbessern. Und Jesus? "So nicht! Es kann doch jeder Gottes Willen tun, egal in welchem Staat. Es zwingt euch doch keiner am Sabbat zu arbeiten, Schweinefleisch zu essen und seine Mitmenschen zu hassen." Jesus hatte eine andere Idee: Der Wille Gottes ist zusammengefasst im Gebot "Liebe Gott und deinen Mitmenschen." Das Himmelreich beginnt, Gott gewinnt an Macht in dem Augenblick, wo du seinen Willen tust, die Liebe und nichts anderes als höchsten Wert anerkennst und Liebe übst. Auf Deutsch: Verleugne dich selbst (Matthäus 16,24) und nimm dich selbst nicht zu wichtig. Nicht "der Mensch ist das Maß aller Dinge", sondern Gott. Ihm allein steht das letzte Urteil zu - über dich und über andere. Wenn du das anerkennst, hast du den Himmel auf Erden.

Echt! Mireille Mathieu hat recht: "Das Wunder aller Wunder ist die Liebe". Auch in einer Partnerschaft können wir die Liebe Gottes erfahren. "Not war", kein täglicher Kleinkrieg um zu zeigen, wer die Hosen anhat, sondern "make love", mit allen Fasern unsres Daseins, gemeinsam sich im Licht Gottes sonnen, Herausforderungen bestehen, Aufgaben bewältigen, Tisch und Bett teilen, einander respektvoll behandeln und uns selbst nicht so wichtig nehmen. Und ein Schuss Romantik gratis.

Zur Liebe gehört aber noch mehr. Davon singen wir mit Claus Peter März: "Wenn das Leid jedes Armen uns Christus weist, und die Not, die wir lindern, zur Freude wird, dann hat Gott unter uns schon sein Haus gebaut, dann wohnt er schon in unserer Welt. Ja, dann schauen wir heut schon sein Angesicht in der Liebe, die alles umfängt, in der Liebe, die alles umfängt." (EG 632,2). Oder kürzer: "Ubi caritas et amor, ibi Deus est." "Wo Liebe ist mit Hand und Herz, da ist Gott."

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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