Andachten

Monatsspruch Oktober 2019

Wo du kannst, da hilf den Bedürftigen. Hast du viel, so gib reichlich; hast du wenig, so gib doch das Wenige von Herzen. (Tobias 4,8)

Liebe Leserin, lieber Leser,

was geht's uns doch so gut! Wir haben ein gemäßigtes Klima, seit 74 Jahre Frieden in Westeuropa, übergenug zu essen und anzuziehen, sauberes Wasser, relativ saubere Luft, die meisten ein Dach überm Kopf und Arbeit, Versicherungen, Ärzte, Krankenhäuser, einen hohen Lebensstandard, Bildung, Kultur, Verkehrsmittel, Strom und was der Mensch so braucht. Und zugleich: Was geht's uns doch so schlecht! Nicht alle haben in gleicher Weise Anteil an unserm Wohlstand. Viele können kaum von ihrer Arbeit leben, können die ständig steigenden Mieten nicht mehr zahlen, sitzen auf der Straße, finden keine Arbeit. Die Ostdeutschen auf dem Land fühlen sich abgehängt und viele auch bei uns vergessen. Flüchtlinge stören unsre Gemütlichkeit und erinnern uns daran, dass große Gebiete unsrer Welt durch Misswirtschaft, Krieg und Katastrophen unbewohnbar werden. Ein Drittel der Menschheit kann sich nicht ausreichend ernähren. Man klagt heute darüber, unsre Gesellschaft sei gespalten, aber das war sie immer, eine Kastengesellschaft wie in Indien, nur nicht offiziell. Jeder lebt in seiner eigenen kleinen Welt und interessiert sich nicht, wie's anderen geht. Wir wurden dazu erzogen, unsern eigenen Weg zu gehen, uns nichts gefallen und nichts sagen zu lassen, dagegen tapfer unsre Meinung zu sagen, die keiner hören will. Wir sind freie Menschen, das wäre ja noch schöner! Und die Folge: Familien zerbrechen und Menschen vereinsamen. Kinder und sogar Hunde leiden, wenn die Eltern auseinandergehen. Was geht's uns doch so gut - und trotzdem so schlecht!

"Hilf den Bedürftigen" sagt der Monatsspruch. "Hast du viel, gib viel. Hast du wenig, tu, was du kannst." Seit 50 Jahren gibt es die von einem Frankfurter Kaufmann gegründete "Zehn-Prozent-Aktion" mit einem anonymen Spender, der jedes Jahr eine bestimmte Zahl an Gleichgesinnten sucht und zehn Prozent seines Einkommens für Brot für die Welt spendet, wenn mindestens noch zehn andere mitmachen. Wer 10.000 im Monat einnimmt, gibt 1000, wer nur 1000 verdient, 100.

Es gibt Christen, die geben schon viel länger den "Zehnten". Sie berufen sich dabei auf ein biblisches Gebot 10% der Einnahmen abzugeben, das schon Abraham befolgte (1. Mose 14,20). Dieser Zehnte war aber nicht für die Armen bestimmt, sondern als Vorläufer der Kirchensteuer für den Tempel und die Priester.

Ein Teil der heutigen Kirchensteuer dagegen fließt in die Diakonie bzw. Caritas, die vor allem fürsorglich tätig sind. Die finanzieren sich aber nicht nur aus Kirchensteuern, sondern auch aus freiwilligen Spenden, die zum Teil im Gottesdienst eingesammelt werden. Daneben gibt es auch die Möglichkeit gelegentlich oder regelmäßig Spenden zu überweisen, z. B. für Katastrophenhilfe, Brot für die Welt, Misereor und vieles andere - kann man von der Steuer absetzen.

Zu bedenken ist auch, dass staatliche Maßnahmen sowie Versicherungen und Renten die Armut abfedern, alles von unserm Geld bezahlt. Und dass schließlich auch in noch funktionierenden Familien und Nachbarschaften einer dem anderen hilft, ohne viel Worte zu machen.

Und trotzdem sitzen Bettler auf der Straße. Manche sind offensichtlich von einer Bande vorgeschickt, die abends die Einnahmen kassiert. Ich sah eine bejammernswerte Frau ohne Beine, die ich später mit den Krücken unterm Arm herumlief. Eine Frau mit Kind auf dem Arm sprach mich weinerlich an, ihr Kind müsse verhungern. Ich verwies sie aufs Kindergeld und ließ sie herzlos stehen.

Nicht ohne Grund sind nicht nur die Kirchen, sondern auch andere Religionsgemeinschaften längst vom Almosen in den Hut abgekommen. Wir setzen auf die organisierte Wohltätigkeit, um Bettler nicht zu beschämen, und weil organisierte Hilfe wirksamer ist. Schon die ersten Christen luden zu gemeinsamen Mahlzeiten ein und unterstützten Arme aus der gemeinsamen Kasse. Der Soziale Wohnungsbau früherer Zeiten erlaubte auch Geringverdienern menschenwürdig mit geringen Mieten zu wohnen. Warum wurde er abgeschafft? Brot für die Welt verteilt nicht einfach Reis- oder Kartoffelsäcke, sondern bietet "Hilfe zur Selbsthilfe", z. B. Brunnen mit einfachen Mitteln selbst bauen und unterhalten oder ein paar Ziegen halten.

Die sozialen Organisationen sind auf Spenden angewiesen. Es gibt so viel Elend in der Welt. Wenn du Gutes tun willst, achte aber bitte auf das Spendensiegel.

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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