Andachten

Monatsspruch September 2019

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Matthäus 16,26)

Liebe Leserin, lieber Leser,

nicht die ganze Welt, aber doch Millionen gewinnen ist heute gar nicht so schwer (wenn man der Werbung glauben darf): Ruf einfach an und sag "stopp", und dann bist du Millionär. Wenn das Wörtlein "wenn" nicht wär. Nur einer von 140 Millionen Spielern hat die Chance für 6 Richtige. Ehrlich: Ich wüsste mit so viel Geld nichts anzufangen. Soll ich mich dann den Rest meines Lebens damit abplagen, mit meiner Million Gutes zu tun, sie auszugeben oder gewinnbringend anzulegen?

Wie kann man Schaden nehmen an seiner Seele? Dazu fällt mir das Märchen ein vom Fischer und seiner Frau: Die beiden wohnen in einem Dreckloch und ernähren sich von dem, was der Mann fängt. Eines Tages fängt er einen Fisch, der sprechen kann und um sein Leben bittet. Der Fischer lässt ihn wieder schwimmen und geht heim ohne Fang. Die Frau aber meint, der Butt wäre ihm noch was schuldig, er könnte ihnen doch eine anständige Hütte schenken. Aber die Hütte ist ihr bald zu klein, es muss ein Haus her, ein Schloss. Die Frau kann nicht genug kriegen, sie will König, Kaiser, Papst sein. Und alles bekommt sie. Mehr geht nicht, oder? Nein, wenn schon, so will sie sein wie Gott. Und der ist in einem Dreckloch geboren.

Wie hat die Frau Schaden genommen an ihrer Seele? Sie hat der Habgier Raum gegeben und dem Ehrgeiz. Und die haben ihr die Seele zerfressen. Und das ist nicht nur ein persönliches Problem, auch eins der Allgemeinheit: Habgier lässt Firmen "an die Wand fahren" und Existenzen vernichten. Vor lauter Karriere und Konkurrenzkampf wird keine nützliche Arbeit mehr getan. Arm ist, wer nicht genug hat. Und wenn er Millionär ist. Dem Fischer hat sein Dreckloch genügt. Er wollte nichts anderes sein als ein Angler und konnte nicht verstehen, warum seine Frau so unzufrieden war.

Eine andere Geschichte erzählt genau das Gegenteil: Von einem, dem es nicht drum ging zu gewinnen, sondern unabhängig zu sein und sein eigenes Leben zu führen. Er ließ sich sein Erbe auszahlen und machte sich selbständig. Ob er sein Geld verprasst hatte, wie man ihm hinterher vorgeworfen hat. Oder ob er einfach Pech hatte, jedenfalls war irgendwann der Beutel leer. Kein Einzelfall, sondern so geht's uns allen: Wir sind in die Welt gegangen voller Kraft und Fähigkeiten, voller Chancen, voller Hoffnungen. Aber das lässt im Laufe der Zeit nach. Und am Ende gehen wir aus der Welt, nackt und hilflos, wie wir gekommen sind. Und wie die Fischers dorthin, wo wir hergekommen sind. "Erde zu Erde, Asche zu Asche, Staub zum Staub - aber Leben zum Leben, Geist zum Geist und die Seele zu Gott, von dem sie gekommen ist."

Der "verlorene Sohn" in dieser Geschichte hatte nicht alles verloren. Eine Erinnerung war geblieben: Er wusste noch, wo er zu Hause war, und machte sich auf den Heimweg. Ich stelle mir einen Habgierigen vor, der wirklich - wenn nicht die ganze Welt - aber doch sehr viel gewonnen hat. Und ich stelle mir vor, dass er so von der Habgier besessen ist, dass er an nichts anderes mehr denken kann. Und wenn's ihm dann so geht wie Hiob, dass er über Nacht alles verliert? Was bleibt von ihm übrig? Hat er dann noch Substanz, oder ist er wie ein Ballon, aus dem die Luft raus ist, eine leere Hülle?

"Auf, Herz, wach und bedenke, dass dieser Zeit Geschenke den Augenblick nur dein. Was du zuvor genossen, ist als ein Strom verschossen; was künftig, wessen wird es sein?
Verlache Welt und Ehre, Furcht, Hoffen, Gunst und Lehre und geh den Herren an, der immer König bleibet, den keine Zeit vertreibet, der einzig ewig machen kann. Wohl dem, der auf ihn trauet! Er hat recht fest gebauet, und ob er hier gleich fällt, wird er doch dort bestehen und nimmermehr vergehen, weil ihn die Stärke selbst erhält." (Andreas Gryphius, EG 527,8-10)

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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