Andachten

Monatsspruch Juni 2020

Du allein kennst das Herz aller Menschenkinder. (1. Könige 8,39)

Liebe Leserin, lieber Leser,

meine Hausärztin hat schon oft mein Herz abgehört und mehrfach EKG gemacht. Aber mein Herz kennt sie nicht. Ein Herzspezialist hat mich durch alle Geräte gejagt, die er hatte. Auf einem Bildschirm konnte man sehen, wie die Pumpe arbeitet. Aber schlau geworden ist er daraus nicht. Und aus mir auch nicht. Ich war nur einmal dort. Die Ärztin kennt mich besser.

Kenne ich mich, kennst du dich selber? Gewiss, ich kenne alle meine Daten, kann meinen Ausweis vorzeigen, meinen Lebenslauf und meine Zeugnisse, Fotos aus allen Lebensphasen und habe meine Erinnerungen, die jetzt im Alter immer wieder hochkommen, zunächst bruchstückhaft wie die Lieder und Texte, die ich gelernt habe. Von denen fällt mir zunächst eine Zeile ein. Nach und nach hängen sich andere Erinnerungsfetzen dran, bis ich wieder weiß, wie's geht.

Aber ich kenne mich nur von innen und hab mich noch nie von außen betrachtet. Wie andere mich sehen, merke ich an ihren Reaktionen. Da kommt es nicht drauf an, dass sie aufs Haar genau meine Nase oder Hände beschreiben können und meinen Lebenslauf vor- und rückwärts aufsagen, sondern wie sie mich beurteilen. Meine Lehrer und Professoren konnten das gut, abgefragt, benotet, geprüft und mit Abschlusszeugnis entlassen. All das kann täuschen. Ich bekam schon gute Noten, wo ich keine Ahnung hatte, und schlechte, wo ich wirklich gut war.

Gott, "du allein kennst das Herz aller Menschenkinder." Natürlich kennt er auch meine Pumpe und meine Leber und Knochen und weiße Blutkörperchen und die Essensreste im Dünndarm und jede Hirnwindung, jede Nervenzelle, jedes Molekül, jedes Atom, jedes Elementarteilchen. - Ist das wirklich wichtig? Muss er wie der Nikolaus über jede Sekunde meines Lebens Protokoll führen, um mir dann am Ende die Rechnung zu präsentieren: 145.328 richtig und 189.439 falsch, durchgefallen?

Von oben und aus der Rückschau gesehen sind diese Einzelheiten so unwichtig wie meine Größe und Gewicht an meinem 5. Geburtstag, mein Blutdruck mit 27 und meine Zahnschmerzen mit 43. Wir verändern uns im Laufe unsres Lebens, nicht nur äußerlich, sondern auch innerlich. Wichtig ist nicht, wie viele Fehler ich gemacht habe, sondern ob ich daraus gelernt habe. Wichtig sind nicht meine Erfolge, sondern wie ich mich weiterentwickle. Und das geht nicht in Richtung immer mehr und immer besser, sondern immer weniger und immer schlechter. Ich merk' jetzt schon, wie ich abbaue. Und was bleibt dann von mir? Das, was ich ganz am Anfang war: ein Gedanke Gottes, damals nur eine Idee, und am Ende nur eine Erinnerung. Ein winziges Puzzleteilchen, ein Pixel auf dem Foto, ein Tüpfelchen im Buch des Lebens, ein Bit auf der himmlischen Festplatte.

Vor Gott bin ich ganz klein, bescheiden und demütig. Ich las in meiner Jugend in der Zeitung von der unvorstellbaren Größe des Weltalls. Dann muss Gott noch viel größer sein, schloss ich daraus. Das erfüllte mich mit Ehrfurcht und hat mich tief geprägt, bis heute. Ich bin nichts und Gott ist alles. Ich bin eingebettet im Weltgefüge, stehe in Gottes Hand und habe einen Platz in seinem Kopf und Herzen - bildlich gesprochen. Nicht hand-, kopf- und herzfüllend, sowenig wie ein Fischlein den Ozean füllt. Hauptsache, ich habe ein Plätzchen in Gott - und Er in mir.

Wie sich das in unserm Leben auswirken kann, zeigt ein Lied von Marie Schmalenbach:

"Brich herein, süßer Schein / sel'ger Ewigkeit! / Leucht in unser armes Leben, / unsern Füßen Kraft zu geben, / unsern Seelen Freud!

Ewigkeit, in die Zeit / leuchte hell hinein, / dass uns werde klein das Kleine / und das Große groß erscheine! / Sel'ge Ewigkeit!"

Oder mit den Worten Reinhard Meys: "Über den Wolken … würde, was uns groß und wichtig erscheint, plötzlich nichtig und klein."

Mit freundlichen Grüßen

Heinrich Tischner

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